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Jörg Janzer

Hommage à Ginsberg 2021

Das Gelbprinzip
 
 
Gelb. Alles ist gelb. Der Ton gelb, das Geräusch gelb, alles ist gelb, wird gelb. Fragen gelb, die Zeit gelb. 
Alles gelb.
 Der Atem stockt gelb, der Pulsschlag stockt, das Wasser fliesst in die Berge zurück, zögert, stockt.
 Gelbes Getuschel, nirgends ein Schrei.
 Abwarten gelb.
 Ahnungen auf silbernen Tabletts von Zunge zu Zunge.
 Gelbes Misstrauen schwarz, die Ordnung stockt.
 Schwarze Ordnung gelb.
 Der Schrei nach innen.
 The Wall.
 
  Gelber Fortschritt weltraumgelb. Das Gute gelb. Gelber Tod schwarz. Schwarz erstickter Schrei.
 Erstickt warten gelb auf neue Ordnung, auswegslos, stumm.
 Ohne eine Spur zu hinterlassen an der Schneegrenze entlang, am Rande der Wirklichkeit.
 Die Spinnen atmen aus.
 Überall rote Punkte wie von endlosen Umarmungen von Echsen und Lurchen.
 Gelbe Liebe gefriert.
 Das Getreide ist gemäht, eingeholt.
 Wenn die Angst die Entschlossenheit übertrifft als werde in der Anpassung an das Negative das Negative besiegt.
 Erde spüren, Schneeluft, Samenluft, Lästerung.
 Die Todeshülle des alles verderbenden Staates, der selbst das Sterben in Zyklen organisiert.
 Verwehungen.
 Unter Strommasten totgevögelte Zeit. Die Zeit verweht gelb im alten Heu des Jahres 86. Schrei ohne Leidenschaft.
 Alles ist Imitation.
 Der Name des Deos als letzte Glücksbotschaft. Die Tiere an der Schmerzgrenze.
 Das schmerzt wie die grenzenlose Vertrautheit zwischen Mann und Frau dieser süsse Schmerz, süsse Geruch, der die Arme lähmt, die Nacht, den Tag,
 wo zerwühlte Kissen Anlass sind für vermehrte Kontrollen durch Gelbkreuzbeamte.
 
 Der Landmann mit der Säge aber sägt und sägt und sägt.
 Hinter den Bergen leuchtet blaues Neonlicht.
 Der Präsident massiert sich die Vorsteherdrüse. Die Massen applaudieren in die Kondome. Nur das Schwert, das die Wunde schlug, kann sie auch heilen.
 Gelbe Latenzen machen sich breit, fressen sich in das allgemeine Bewusstsein, was immer das sei:
 Das Allgemeine, das Bewusstsein.
 Etwa der babylonische Tod, der assyrische, der ägyptische Tod?
 Noch immer schweigen sie.
 Nirgends hört man einen Schrei.
 Gefolterte Nerven geben gelbe Ruhe.
 Noch nie war ein Krieg zu anarchisch oder zu teuer. Todgeweihte sind angeblich kaum zu dressieren.
 Doch die Latenz des Todes steht im umgekehrten Verhältnis zur Geschwindigkeit der Fortbewegungsmittel.
 Laser.
 
 Die angeblich neue Situation ist nichts als die Entsprechung einer anderen, längst vorhandenen Wirklichkeit:
 Der Gesang der zerfallenden Berge, die schwarze Sickerung der Ekzeme. Da helfen weder grüne Meerkatzen noch Kopfstände.
 Als sei nicht jede Krankheit auch Erschöpfung – warum nicht auch der Wissenschaften?
 Unzeitgemässe ketzerische Gedanken machen sich breit. Man spricht von Peitsche und Sense, hört den schneidenden Knall,
 ahnt die Anarchie, die in ihrer negativen Form längst in uns wütet in Form eines anderen Zusammenbruchs.
 Der Schadenfreude ist keine Grenze gesetzt.
 Auf der gegenüberliegenden Seite stehen die, die ohnehin nie etwas zu verlieren hatten und lachen.
 Und hinter ihnen grinst die mythologische Fratze.
 Der Fortschritt gibt die Apokalypse ab. Wir dürfen jetzt nachdenken oder glauben oder jammern.
 Der neue Tod, der ein alter Tod ist, so alt wie eben der Tod, nimmt uns die Sense aus der Hand und schüttelt sich das Kleid.
 Wir sind zu banal, zu gut gewesen. Der afrikanische Gleichgültigkeitstod war zu satt oder zu matt.
 Im Untergang bekommen wir die Unschuld zurück, treten ins Glied.
 
Vernehmt die Botschaft. Hört auf den Gesang der Vulkane.
 Strich für Strich geht der Landmann über das Feld und mäht. Man nannte ihn einst den Gevatter.
 Wenn Ihr sein Lachen hört wisst Ihr Bescheid.
 In Euch lauert ein Schrei.

 

Fleischesfleisch

1985
222 S. Romanoid; 25 x 18 cm 28,- €
ISBN 3-922441-51-3

3.3.2006: Nun ist diese Ausgabe vergriffen! Nach 20 Jahren verursachte ein Artikel im Tagesspiegel den Verkauf des letzten Verlagsexemplars und innerhalb von Stunden den des letzten Exemplars, aus einem Antiquariat !

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E.S.

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